_Beate Glück im Interview

 
 


Wolfgang Maier: Warum Kunst?

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Beate Glück: Es scheint so klar zu sein, was Frau sein ausmacht, und vieles stimmt und stimmt doch wieder nicht. Ich möchte die Empfindung von weiblichem Leben spürbar machen. Es gibt die inneren Bilder, die in mir auftauchen, verschwinden und wieder auftauchen. Wenn es soweit ist, dann sehne ich mich danach, dass diese Wirklichkeit auch in einer Arbeit festgemacht wird. Darum mache ich Kunst. Weil ich nicht anders kann.

Was ist das, weibliches Leben?
Glück: Das ist eine fixe Vorstellung und das ist Freiheit. Das ist Freundin sein, Geliebte sein, Mutter sein. Und oft, sehr oft, ein Würfelwurf. Die Würfel werden geworfen und zeigen eine Zahl, ein Resultat, wunderbar konkret oder schrecklich konkret. Aber so ist es nicht. Die Würfel werden geworfen und zeigen ... eine Möglichkeit, eine Chance, die ergriffen wird oder auch nicht. So denke ich, und ich denke, viele Frauen denken heute so.

Denken: "Das Denken ist nicht mehr ein offener Blick auf Formen, die in ihrer Identität hell und klar umrissen sind", liest man bei Deleuze, das Denken sei Geste, Sprung, Tanz, äußerstes Abseits, gespannte Dunkelheit ...
Glück: Ich sage nicht, was ich denke. Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Ich muss das auch nicht. Das Gefühl etwa, am Abgrund zu stehen – ich hinterfrage es nicht. Was ich retten will, ist die Empfindung dieses Gefühls. Dafür habe ich meine Figuren, meine Symbole. Ich wünsche, dass meine Arbeiten zunächst empfunden werden, bevor sie gesehen werden. Dann erschließt sich das Mysterium.

Abgrund: In Ihrem Werk ist es dunkel und hell. Sie inszenieren Ihren nackten Körper – mal als Geisha, mal als Shiva, mal heilig, mal obszön. Lust und Opfer? "Ich habe wiedergefunden, was aus meinem Herzen eine Glut macht, die mit Asche bedeckt ist, aber im Innern brennt: das Gefühl einer Gegenwart, die auf keinen irgendwie gearteten Begriff zu bringen ist ..." Dann werde das, heißt es in dem Text von Bataille weiter, zu einer gewaltigen Flucht aus sich heraus ...
Glück: Ist es Flucht? Oder doch Befreiung? Ich weiß es nicht. Mit meiner Kunst will ich meinen Körper in den Bergen, ganz nah am Himmel, schlafen und träumen lassen ... Und dabei finde ich, immer wieder auch, dass es etwas gibt in mir, das absolut unberührt geblieben ist. Es gibt etwas in mir, das von seinem Wesen her nicht von äußeren Umständen beeinflusst werden kann. Dieser innere Kern ist kriegerisch, ist rebellisch, ja vielleicht sogar gewalttätig. An diesen Teil wendet sich meine Kunst.

Erotisch. Gewalt(tät)ig. In manchen Ihrer Bildern geht es tief hinein ins Leben der Organe. Fleisch. Glitschig. Blut: "Wenn es gälte, dem Erotismus – im Gegensatz zur Sexualität – einen präzisen Sinn zu geben, dann sicher diesen: eine Erfahrung der Sexualität, die um ihrer selbst willen das Überschreiten der Grenze mit dem Tod Gottes verbindet", lesen wir bei Foucault ...
Glück: Ach, das sind große Worte ... Was ich da tue, mich nackt mit meinen Sujets zu inszenieren, scheint wie der Vollzug eines heidnischen Mythos’ – und spiegelt doch nur wieder, wie die Welt ist, wie sich so viele Frauen erfahren in dieser Welt. Nein. Nein. Diese Inszenierungen sind für mich nur das Hingehen zu meinem inneren Kern, für den Kategorien wie Namen, Würde, staatsbürgerliche Rechte nicht von Belang sind.

Sind Sie deshalb in Ihren Bildern immer maskiert?
Glück: Ich maskiere mich, aber ich verstecke mich nicht. Ich zeige mich, aber ich verrate mich nicht. Viele meiner Bilder sind Stadien der Verwandlung, Ausgang ungewiss. Manche meiner Ichs gehen in den Urgrund meiner Bilder ein – wie die Leinwände, die ich über Monate im Wald verwittern lasse, bevor ich sie verwende, wie die Leinwände, die der Natur ausgesetzt werden, um ihre wahre Natur zu finden. Aber auch dann gilt: Ich habe keine Botschaft. Die besten meiner Bilder verschränken sich mit meiner Wirklichkeit, aber nie sind sie Wirklichkeit. Nie.

Das Mysterium: Sie benennen es nicht, aber doch scheint es vielen Kunstbetrachtern greifbar nah. Wie kommt das?
Glück: Das Mysterium ist greifbar nah? Ich habe keine Ahnung. Ich zeige meinen Körper als heiliges Tier? Na gut. Damit stelle ich den Körper der Frau gleich mit dem des Tieres? Soll sein. Das gibt es häufig in der Mythologie, aber die ist mir egal. Es geht mir nicht um die Mythen, nicht um die vorhandenen. Wenn überhaupt, fülle ich sie mit meinen Inhalten auf. Da ist es schon wichtiger für mich, die helle Haut der Heiligen Kuh mit meiner eigenen hellen Haut zu verbinden. Wie gut sich das anfühlt! Warm. Trocken. Gut ... Nein, ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur: In meiner Arbeit geht es um die starken und klaren Gesten, die bleiben.

Mallarmé? "So spiegelt sich, seit langem tot, eine alte Idee im Lichte des Wahns, in dem ihr Traum verendete, und erkennt sich wieder in der überzeitlichen noch ausstehenden Geste" ...
Glück: Blicke, Körperhaltungen, Rituale, die Zeichen des menschlichen Ausdrucks, suche ich in Fotografien anthropologischer Bibliotheken, aber auch in Publikationen oder Sachbüchern zum Beispiel über die Präparierung von Tieren. Solche Fotografien repräsentieren meinen Blick auf die Welt. Ich befreie diese Gesten von ihrem kulturellen Zusammenhang, will sie mit universaler Gültigkeit versehen – montiert auf Stoffe, die der Verwitterung ausgesetzt wurden, auf Stoffe, die monatelang im Wald lagen, auf denen eine menschenleere Natur ihre Spuren hinterlassen hat. Dennoch ist es die erste Handlung, die heilig ist.

... obwohl Sie wochen-, ja monatelang an Ihren Werken arbeiten!
Glück: Materialität ist mir wichtig. Alle meine Bilder werden zerschnitten, gescannt, vergrößert, dabei entstehen Verzerrungen, Rissränder, Überlappungen, Disproportionalitäten, Fehler – unmerkliche, aber sie spielen mit. Dann kaschiere ich die auf Folien kopierten Bilder auf die verwitterten Stoffe und "bemale" sie mit verschiedenen Materialien. Es entstehen Schichten, auch der menschlichen Seele. Wichtiger als jede Botschaft ist mir, wie sich Haut anfühlt, obwohl sie aus Papier besteht. Die Prozesse sind mir wichtig. Das Aufbügeln der Bilder auf Transparentpapier. Das Einstreichen der Rückseite mit Elfenbeindispersionsfarbe, die auf der Vorderseite dann ein Leuchten bringt. Durch das Aufbügeln der Bilder auf die Leinwand, durch Wegreißen kleiner Schnipsel entsteht eine fast unmerkliche, aber doch spürbare Dreidimensionalität. Die Disproportionalitäten, die Fehler, die Dreidimensionalität – sie alle spielen bei der Inszenierung des Mysteriums mit. Aber ich benenne es nicht, ich denunziere es nicht.

Die Leinwände verwittern im Wald. Ist das auch eine Verletzung?
Glück: Die Verwitterung ist keine Verletzung. Sie ist eine Verwandlung. In diesem Prozeß ist die Natur nicht ersetzbar. Die Leinwand, die verwitterte, akzentuiert das Bild, bringt es hervor wie ein Steinzeit-Zelluloid. Die Figur verschmilzt nie mit der Leinwand, sie ist ein Zeichen. Die Figur ist ein Zeichen, aber kein Statement, niemals.

Niemals ein Statement? Bei einer Kunstinszenierung haben Sie Leinwände mit Fotos Ihres nackten Körpers mit roten Stricken um Bäume gewickelt, die Körper gefesselt und zerstückelt, daneben ein Bottich mit einem aufgeschnittenen Hirn ... Man denkt an Pessoa, der schrieb: "Ich will in meinem eignen ungestalten Wesen verstreuen mich und untergehen! Nimm mich, gewaltige Nacht, mach mich zu einem Teil deiner Kälte, deiner Einsamkeit, mach mich mit deinen Gesten, die erstarrt sind, mit deinem Schweigen, deiner Ungewißheit gleich an Substanz, und lösch mich mit dir aus."
Glück: Der Bottich. Ja, er markiert eine Grenze, Abgeschlossenheit, auch Einsamkeit. Er ist das Symbol, mein Symbol, einer Beschwörungshaltung, eines Sehnens. Aber nein: Meine Kunst ist niemals ein Statement. Höchstens dieses eine: Meine Arbeit bedeutet auch, dass man nie von der Vergangenheit loskommt. Vergangenheit gibt es gar nicht.

Darum also Kunst?
Glück: Darum Kunst. Weil ich so angefangen habe. Später habe ich Jus studiert und einen Beruf ergriffen, um unabhängig zu sein. Ich habe einen Mann geheiratet und bin wieder gegangen. Ich habe ein Kind bekommen. Aber die Kunst ist geblieben. Das Kind und die Kunst.

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