_ZEICHEN DER BILDER – BILDER DER MASKEN.

 
  Zu neuen Arbeiten von Beate Glück  
 


<Das Zeichen ist ein Riss,
der sich stets nur auf dem Gesicht
eines anderen Zeichens öffnet.>

Roland Barthes

  photo:Sira-Zoé Schmid
 

Verwitterte Leinwände als auto-katalytische Malerei und imaginäre Landschaften, wie wir sie
aus früheren Arbeiten von Beate Glück kennen, collagierte Figurationen, die bildnerisch
Bezug auf den hinduistischen Gott Shiva, expressive Tanz- und Tanzdramen Kathakli sowie
japanische Kunstform der Geisha nehmen, sind das ideelle Universum der neuen Bildserie
"Games". Es handelt sich um komplexe semiologische (Bild-) Zeichen, die sowohl
autoreferentiell als auch kontextuell funktionieren, ohne in eine ethnologische oder
postkoloniale Perspektive zu verfallen.

Subtil und poetisch zugleich, geht es weder um eine bildnerische Selbstreflexion noch um
rationale Analysen von Fremdbildern. Vielmehr ist es ein intuitives und emotionales Sich-
Einlassen auf das Eigene als das Andere. Beate Glück arbeitet mit einem Subjektbegriff, der
sich psychoanalytisch und struktural konstituiert. Nicht zufällig ist die Verfahrensweise der Collage als Prinzip und Baustein des Fragmentierens grundlegend: Ich ist nicht nur ein, Anderes, wie Arthur Rimbaud in einem Gedicht postuliert hat, sondern ist ein Vieles. Nicht zufällig fungiert auch das (photographische) Selbstbild der Künstlerin mehrmals in der Maske, des Fremden/Anderen. In behutsamer Weise vollzieht sich dabei eine Verwandlung – "Was also ist unsere Gesicht anderes als ein Zeichen", formuliert Roland Barthes.

In allen Ethnien kennen wir das Phänomen der Transsubstantiation – der Verwandlung von Geistigem, Göttlichem in Materielles als Prozess einer Spiritualisation von Welt. In Gesellschaften, deren Identität wesentlich durch Bilder formatiert wird, vollzieht sich der Prozess einer Transsubstantiation nahe liegender Weise mittels Bildern. Dies gilt insbesondere für säkularisierte Gesellschaften, in deren Folge Bilder zu Abbildern geronnen, sind. Es ist die künstlerische Transformation von (Bilder-)Zeichen, welche Abbilder immer, wieder in Sinn-Bilder zu verwandeln vermag.

In dieser Hinsicht entfaltet sich das Bild-Werk bei Beate Glück zu einem transsubstantiellem Universum: Das Bild wird zur Reinkarnation des "Anderen", zur imaginativen Schwelle einer schamanistischen Handlung. Der Wille zu einer Wahrnehmungserweiterung der eigenen Person. Meditatives und Ekstatisches sind dabei Grundzüge eines Seinszustandes. Immer wieder sind es kindliche Gesichtzüge, die eine Wesenhaftigkeit jenseits zivilisatorischer, Disziplinierungen und Konidtionierungen implizieren. Das damit verbundene epiphanische Moment eines göttlichen Seinszustandes – Shiva als höchste Form des Göttlichen im Hinduismus etwa – ist dabei mehr als eine Abbildung. Vielmehr ist es dieses Göttliche als Zeichen selbst.

Beate Glück selbst spricht vom künstlerischen Nach-Stellen (der Begriff Geisha heißt selbst
Kunst + Person / gei + sha). Dieses Nach-Stellen bedeutet hier nicht bloß ein inszenatorisches Element, sondern das Imaginarium der Verschmelzung zweier Figurationen (Selbstbildnis
und Fremdbildnis). In scheinbar simpler Weise kommt dies auch durch die bildnerische Verfahrensweise der unmittelbaren Auftragung der photographischen Bildfolie auf die Leinwand selbst zum Vorschein: Der Vorgang dieser Verschmelzung ist per se ein, transsubstantielles Phänomen auf der Ebene der Bild-Zeichen. Das heißt, dass es sich nicht um die Attitüde eines Kopierens handelt, sondern um die existentielle Haltung des Bedeutens. Das Selbstportrait kopiert nicht Shiva, sondern bedeutet ihn!

Wir können das Bild in dieser Hinsicht auch als Maske des Anderen sehen, die auf sich selbst
verweist und keine Funktion der Stellvertretung mehr innehat. Die Bild-Maske ist Zeichen
und nicht Ausdruck ihrer Selbst. Wir sollten nicht vergessen, dass das Bildnerische seinen
Ursprung nicht im Ausdruck hat, sondern in der Schrift selbst (im Asiatischen ist dies durch
den Pinsel signifikant – er verschmilzt Schrift und Bild als Ursprung bildnerischer
Zeichenhaftigkeit). Die bildnerische Verzahnung des Photographischen (als Schrift des
Lichtes) mit der Malerei (als Schrift des Autokatalytischen) findet hier ebenfalls seine
künstlerische Entsprechung in der neuen Werkserie "Games".

Carl Aigner

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